Mitgestalten statt zusehen: Warum Ingenieurinnen und Ingenieure jetzt für die Vertreterversammlung kandidieren sollten

Interview mit Dr.-Ing. Christoph Gottanka zur Kammerwahl 2026

Die Kammerwahl 2026 steht an. Für die Bayerische Ingenieurekammer-Bau bedeutet sie weit mehr als einen formalen Wahltermin: Sie entscheidet darüber, wer die berufspolitische Arbeit der kommenden Jahre mitprägt. Im Interview spricht Dr.-Ing. Christoph Gottanka, 1. Vorsitzender des VBI Bayern, über die aktuelle Lage der Ingenieurinnen und Ingenieure, die besondere Rolle Bayerns und darüber, warum es jetzt engagierte Kandidatinnen und Kandidaten braucht.

Herr Dr. Gottanka, warum ist die Kammerwahl 2026 aus Ihrer Sicht so wichtig?

Die Ingenieurinnen und Ingenieure in Bayern stehen vor einer entscheidenden Phase. Digitalisierung und KI, Klimaschutz, Infrastruktur, nachhaltiges Planen und Bauen, neue Vergabeanforderungen und der Fachkräftemangel verändern unseren Berufsalltag spürbar. Gleichzeitig wächst die Bedeutung unseres Berufsstandes: Ohne Ingenieurkompetenz lassen sich die großen Zukunftsaufgaben nicht lösen.

Genau deshalb ist die Kammerwahl 2026 so wichtig. Die Vertreterversammlung ist das zentrale Gremium der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. Sie stellt die Weichen für die künftige Kammerarbeit, entscheidet über berufspolitische Schwerpunkte und wählt Vorstand und Ausschüsse. Sie ist damit der Ort, an dem aus Haltung konkrete Gestaltung wird.

Welche Rolle spielt Bayern aktuell innerhalb des deutschen Ingenieurwesens?

Bayern nimmt eine besondere Rolle ein. Der Freistaat zählt zu den wirtschaftlich starken und innovationsprägenden Regionen Deutschlands. Besonders der Großraum München zeigt, wie eng Ingenieurleistung, technologische Entwicklung, internationale Fachkräfte und regionale Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbunden sind.

Auch im Vergleich der Bundesländer steht Süddeutschland mit Bayern und Baden-Württemberg für einen besonders starken Ingenieurarbeitsmarkt – trotz konjunktureller Unsicherheiten. Das zeigt, wie wichtig unsere Ingenieurleistungen für die wirtschaftliche Entwicklung und Zukunftsfähigkeit der Region sind.

Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Lage nicht in allen Bereichen einfach. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Die Lage ist tatsächlich differenziert. Der Ingenieurarbeitsmarkt steht unter Druck: In einzelnen Branchen sinkt die Zahl offener Stellen, gleichzeitig bleiben qualifizierte Fachkräfte in vielen Bereichen knapp. Besonders im Bauwesen, in der Gebäudetechnik, der Vermessung und Architektur ist der Bedarf weiterhin hoch.

Das zeigt: Unser Berufsstand wird gebraucht – fachlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Umso wichtiger ist es, dass wir als Ingenieurinnen und Ingenieure unsere Interessen sichtbar vertreten und die Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten.

Wie stehen bayerische und deutsche Ingenieurinnen und Ingenieure im europäischen Vergleich da?

Auch im europäischen Vergleich haben deutsche und bayerische Ingenieurinnen und Ingenieure eine starke Position. Deutschland verfügt über eine hohe technische Ausbildungstradition und eine im EU-Vergleich starke Orientierung auf MINT-Studiengänge.

Gleichzeitig stehen wir im Wettbewerb um Talente, Innovationskraft und digitale Souveränität. Wer hier mitreden will, braucht eine starke berufspolitische Vertretung. Es geht nicht nur darum, gute Arbeit zu leisten, sondern auch darum, die Bedingungen mitzugestalten, unter denen diese Arbeit künftig möglich ist.

Warum braucht die Vertreterversammlung Kandidatinnen und Kandidaten aus der Praxis?

Die Kammer braucht Kolleginnen und Kollegen, die die Realität des Berufsalltags kennen: aus kleinen und großen Büros, aus unterschiedlichen Regionen Bayerns, aus verschiedenen Fachrichtungen und Generationen. Sie braucht Menschen, die wissen, wo es im Arbeitsalltag hakt – und die bereit sind, Lösungen mitzuentwickeln.

Wer kandidiert, übernimmt Verantwortung: für die eigene Berufsgruppe, für faire Rahmenbedingungen, für Qualität im Planen und Bauen und für die Sichtbarkeit ingenieurtechnischer Leistungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Was möchten Sie Ingenieurinnen und Ingenieuren sagen, die über eine Kandidatur nachdenken, aber noch zögern?

Eine Kandidatur ist die Möglichkeit, nicht nur zuzusehen, sondern selbst mitzugestalten. Die Vertreterversammlung ist der Ort, an dem berufspolitische Themen gebündelt, diskutiert und weiterentwickelt werden. Wer sich dort einbringt, kann dazu beitragen, dass die Kammer nah an der Praxis bleibt und die Interessen unseres Berufsstandes wirksam vertritt.

Deshalb mein klarer Aufruf: Stellen Sie sich als Kandidatin oder Kandidat zur Verfügung. Bringen Sie Ihre Erfahrung, Ihre Perspektive und Ihre Stimme ein. Eine starke Kammer entsteht nicht von selbst. Sie lebt von Ingenieurinnen und Ingenieuren, die Verantwortung übernehmen – und die bereit sind, die Zukunft ihres Berufsstandes aktiv mitzugestalten.

Zum Autor:

Dr.-Ing. Christoph Gottanka ist 1. Vorsitzender des VBI Bayern und Vorstand der COPLAN AG. Als beratender Ingenieur und Unternehmensleiter bringt er langjährige Erfahrung aus Planung, Unternehmensführung und berufspolitischem Engagement ein. Im VBI Bayern setzt er sich für die Interessen der planenden und beratenden Ingenieurinnen und Ingenieure ein – insbesondere für starke fachliche Standards, moderne Planungsmethoden, faire Rahmenbedingungen und eine aktive Nachwuchsförderung. Seine berufliche Haltung ist geprägt von Verantwortung, Unabhängigkeit und dem Anspruch, die Zukunft des Berufsstandes aktiv mitzugestalten.